Fahrrad.

Allen, die schon 2013 meine Reise von Beerfurth nach Green Bay und durch die ganze USA verfolgt haben, sei gesagt, dass ich in ähnlichem Stil versuchen werde, meine Eindrücke von diesem großen Land und seiner doch erstaunlich fremden Kultur über diesen Blog mitzuteilen. Es gibt allerdings einen großen Unterschied: Dieses Mal bin ich als Fulbright-Stipendiat und Gastforscher an einer sehr großen amerikanischen Universität und damit vermutlich sehr viel mehr in akademische als in Freizeit-Aktivitäten eingebunden. Außerdem werdet ihr vor jedem Beitrag folgenden Hinweis finden, zu dem Fulbright mich verpflichtet:

Alle Inhalte in diesem Blog sind alleine meine persönliche Meinung. Insbesondere stehen die Inhalte in keinem Zusammenhang mit Fulbright oder dem US Department of State (Außenministerium).

Nun zum eigentlichen Teil: Ich bin wieder in den USA angekommen. Diesmal ganz im Süden, subtropisches statt kontinentales Klima, und um einiges erwachsener. Nicht mehr behütet auf dem Campus, sondern völlig in Eigenregie habe ich mir ein WG-Zimmer organisiert und muss mir einen Alltag aufbauen, noch bevor am Montag mein Forschungsaufenthalt beginnt. Neben dem Wohnen hielten mich vor allem zwei Grundbedürfnisse an diesem Ankunftswochenende in Atem. Kommunikation und Mobilität. Und mit beiden habe ich direkt eine kleinere und eine größere Begegnung gemacht, die den großen Reiz der amerikanischen Gastkultur ausmachen. Auch wenn sicher auch in anderen Ländern und Kulturen eine solche Freundlichkeit allgegenwärtig ist.

Zunächst verlangte meine späte Ankunft am Flughafen in Gainesville nach beidem. Nach Fahrtschluss der öffentlichen Verkehrsmittel war ich auf ein Taxi angewiesen, um in die Innenstadt zu kommen, musste mir ein solches aber erst einmal rufen. Wie antizipiert war schnell offensichtlich, dass wohl jeder außer mir mit Uber oder Lyft einen Fahrdienst post klassischer Taxidienste in Anspruch genommen hat. Ohne mobiles Internet schwer erreichbar. Aushilfe kam für mich dann von einem netten Kardiologen des Uni-Klinikums, womit schon meine erste Begegnung eine Verbindung zur University of Florida darstellte. Da dieser am (wohl eher ehemaligen) Taxi-Stand wartete, bat ich ihn um Unterstützung, wie ich denn an ein Taxi käme. Kurzerhand bat er stattdessen seinen soeben ankommenden Lyft-Fahrer, mich mitzunehmen, und so konnte ich auch ohne Kommunikation meine Mobilität erreichen, wenn auch mit viel Glück.

Die spannendere Geschichte jedoch erforderte Kommunikation und garantiert mir nun hoffentlich Mobilität bis zu meiner Rückkehr nach Deutschland. Ich hatte auf Craigslist nach gebrauchten Fahrrädern gesucht und glücklicherweise per E-Mail eine Antwort zu einem Rennrad bekommen, wobei der Käufer um telefonische Kontaktaufnahme bat. Ausgerüstet mit meiner neuen SIM-Karte rief ich ihn nun also an, in der Hoffnung, gleich am ersten Tag vom Fußgänger zum Radfahrer aufzusteigen. Der pensionierte Bäcker, der als Hobby alte Rennräder restauriert, wobei wohl auch einzelne neue gebrauchte Modelle in seinen Besitz gelangen, stellte sofort eine Verbundenheit her: We are neighbors! Tatsächlich wohne ich nur zwei Aparmentsiedlungen weiter als der Herr und konnte also einige Hundert Meter laufen, um das Fahrrad zu besichtigen. Noch auf dem Weg sammelte er mich ein, er hätte mich ohnehin lieber ganz abgeholt, zu Fuß gehen ist den meisten US-Amerikanern weitgehend suspekt. Auf den letzten Metern im Auto vertiefte er sogleich die Verbindung: Er sei auch schon in Deutschland gewesen, in den Achtzigern, großartige Erfahrungen, Bier für $1,50. Er hatte nicht nur ein gutes und günstiges Rennrad, sondern auch gleich noch ein Schloss mit Buchstabencode und Lichter für mich im Angebot. Zudem soll ich jederzeit vorbeikommen, wenn ich Probleme hätte. Schließlich seien wir Nachbarn und Fahrradschrauben sein Hobby. Nun fehlte mir noch etwas Bargeld und Bezahl-Apps nutzte der herzliche Verkäufer auch nicht. Kurzerhand saß ich also wieder auf dem Beifahrersitz auf dem Weg zur nächstgelegenen Bank. Auf dem Rückweg hatte ich dann den wohl hilfsbereitesten Radverkäufer der Welt endgültig ins Herz geschlossen. Nachdem er, eine Überraschung ankündigend, zum KFC Drive-in fuhr und dort zahlreiche Kalauer in den Lautsprecher rief, eröffnete er mir, dass seine Tochter hier arbeite und er nun noch kurz mit ihr scherzen wollte. Das tat er dann auch, stellte mich ihr vor und organisierte (sie und ich waren wohl beide völlig perplex) ein Gratis-Lunch für mich. Nach der kurzen Rückfahrt, ein paar netten Abschiedsworten, Austausch von Geld und Fahrrad sowie einer Fahrradkarte, die er auch noch aus seiner Wohnung hervorkramte, verabschiedete er mich mit dem Ausruf, jetzt habe er dem Deutschen zumindest zu einem Fahrrad und Mittagessen für heute verholfen. Und zu einem unverhofften, besonderen Erlebnis gleich am ersten Tag. Ich hoffe, er hatte genauso viel Spaß wie es schien. Mir hat er jedenfalls eine sehr große Freude bereitet.

2 Kommentare zu „Fahrrad.

Hinterlasse eine Antwort zu Sanjar Antwort abbrechen

Erstelle eine Website wie diese mit WordPress.com
Jetzt starten