Alle Inhalte in diesem Blog sind alleine meine persönliche Meinung. Insbesondere stehen die Inhalte in keinem Zusammenhang mit Fulbright oder dem US Department of State (Außenministerium).
Nachdem ich mich nun in Gainesville so langsam einlebe und obwohl ich mich dieses Mal in den USA ja eher meiner Arbeit denn dem Entdecken des Landes widmen wollte, führte mich schon meine zweite Woche in den USA in einen anderen Bundesstaat, einmal quer durch den Süden der USA: Nach Houston, Texas. Grund dafür war allerdings gerade die Konzentration auf meine Forschung, da dort das Auditing Section Midyear Meeting stattfand, die größte jährliche Konferenz für Wirtschaftsprüfungsforschung in den USA. Sonst hätte ich den umständlichen und leider flugschambegleiteten Weg in diese hässliche Stadt wahrscheinlich nicht auf mich genommen. So soll auch der Fokus dieses Beitrags neben meiner Arbeit auf der faszinierenden Hässlichkeit liegen, wobei sich beide am Ende überraschend passend zusammenfügten. Vorab hat schon die Ankunft am Flughafen die Leere und brutalistisch anmutende Rohheit der lokalen Architektur meine Faszination geweckt. Um die Buslinie Richtung Innenstadt zu erreichen musste ich das Terminal wechseln. Ich fand mich in einem leeren Tunnel wieder, der komplett mit Teppich aus einer Zeit vor meiner Geburt ausgekleidet zu sein schien und um den herum ohne bauliche Abgrenzung eine langsame Monorail-Bahn fuhr, um die faulen Fluggäste zwischen den Terminals zu transportieren. Ich entschied mich für Laufe, 3600 Fuß groteske Lebensfreude, in der ich nur einem einzigen Polizisten begegnete und offenbar keine der Bahnen ausreichend schnell die Passagiere transportieren konnte, mit denen ich ursprünglich in den Tunnel herabgestiegen war.

Dieser Teil meiner Odyssee nach Downtown, Houston führte sogleich zu meinem ersten Berührungspunkt mit der Arbeit, da ich an der Bushaltestelle des Flughafenbusses einen deutschen Professor traf, der neben mir offenbar einer der sehr wenigen Besucher der Konferenz war, die für nur $1,25 ein Transportabenteuer durch zwielichtige Vorstadtgebiete hinein in den texanischen Moloch genossen, anstatt viel mehr Geld für ein Uber zu bezahlen. Ab dann hatte mich die Arbeit fest im Griff, wobei Konferenzen mit Sicherheit die schönste Art und Weise sind, um Arbeit zu erleben und beim Konsum von zu vielen Lebensmitteln neue Leute kennenzulernen. So habe ich für die Konferenz auch viel Lob zu vergeben. Das Doktorandenseminar am ersten Tag war exzellent, 25 der berühmtesten Professoren der Welt standen einen Tag lang 50 Doktoranden, unter denen ein nennenswerter Anteil aus Europa angereist war, Rede und Antwort und bemühten sich aufrichtig um deren Vorankommen. Der Rest der Konferenz war weitgehend kurzweilig und begleitet von Vorträgen und Diskussionsbeiträgen von höchster Qualität sowie Lebensmitteln von mittelmäßiger Qualität, was für amerikanische Konferenzen als Lob verstanden werden sollte. Und bei all dem durfte ich die Natur dieser Stadt, in der niemand zu Fuß geht, tief in mich Aufsaugen.
Glücklicherweise hatte ich mein Plakat für meine Präsentation am letzten Konferenztag noch nicht gedruckt, musste dazu weit in den Süden von Midtown gehen und die Wolkenkratzer mit ihren Köpfen im Nebel hinter mir lassen. Vorbei an einem riesigen leerstehenden Hochhaus, von dem die Wände der langen Seite seiner rechteckigen Grundfläche so entfernt waren, dass man durch das nackte Betongerippe hindurchsehen konnte, begann ich meinen gut dreißigminütigen Fußmarsch in die stickige Druckerei indischstämmiger Amerikaner mit einem guten Sinn für ihr Geschäft (in Deutschland hätte ich für den gleichen Preis drei Poster drucken können). Auf dem Weg durch die schwülen texanischen Straßen trieb mir ein bekanntes Unwohlsein noch mehr Schweiß auf die Stirn, da ich vermehrt heruntergekommene Blocks durchzog, die von einer nennenswerten Anzahl Obdachloser und zwielichtiger Gestalten bevölkert wurde, wobei sich die restliche Bevölkerung mitten am Tag wohl lieber in klimatisierten Büros oder Autos aufhielt. Mein Vorstellungsvermögen und das behütete Deutschland prägen mich in solchen Momenten immer zu sehr, um entspannt durch solche Gebiete zu laufen, deren einzige Besonderheit wahrscheinlich darin besteht, dass sonst niemand zu Fuß geht, der die Wahl für ein anderes Verkehrsmittel hat. Mit dem Plakat unter dem Arm nahm ich auf dem Rückweg die Tram, welche ich auf dem Hinweg in der Parallelstraße des Copyshops entdeckt hatte.
Ganz Houston hat mit seinen knapp zweieinhalb Millionen Einwohnern drei Tramlinien und wird drei Mal pro Woche von einem Fernzug angefahren.

Nachdem ich also mit dem Druck meines Plakats die letzte Hürde für eine erfolgreiche Konferenz genommen hatte, verdichtete sich der Rest meines Aufenthalts zu einem Rausch aus Eindrücken, in dessen Mitte ich viele Hände schüttelte, Smalltalk betrieb und von einigen bewundernswerten Akademikern große Offenheit, Witz und nicht zu Letzt gute Tipps und persönliches Feedback erleben durfte. Ausgerechnet mein Gastgeber in Florida, Robert Knechel, sollte am Abend des Konferenzfreitags in einer Podiumsdiskussion eine zynisch-witzige Bemerkung machen, die Houston, Hässlichkeit und Wirtschaftsprüfungsforschung auf geniale Weise zusammenfügte. Während er kurz über sein Verständnis der Entwicklung der Forschung in den letzten Jahrzehnten referierte bemerkte er trocken, dass man eigentlich gerade hier in Houston einen Dank an den Vorstand des ehemals hier beheimateten Unternehmens Enron ausrichten müsste: „Thank you for making auditing research sexy again“. Bei Enron wurde kurz nach der Jahrtausendwende der womöglich größte Betrugsskandal eines einzelnen Unternehmens jemals aufgedeckt, in dessen Folge nicht nur Enron selbst, sondern auch noch dessen Wirtschaftsprüfer Arthur Andersen von der Bildfläche verschwanden und schwere Trümmer, insbesondere für ehemalige Mitarbeiter hinterließen. Die Aufmerksamkeit, die dieser hässliche Skandals von der Forschung zur Wirtschaftsprüfung seitdem bekam und für sie in der Öffentlichkeit geschaffen hat, ist beispiellos. So wurde in dieser Stadt ohne Sehenswürdigkeiten für uns Forscher die ehemalige Konzernzentrale von Enron (heute Chevron) zur größten denkbaren Pilgerstätte der Stadt. Ironischerweise ist sie das schönste Gebäude in Downtown Houston.

Genial, jetzt kommt dem Disclaimer am Anfang deiner Artikel schließlich Bedeutung zu :D.
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