Alle Inhalte in diesem Blog sind alleine meine persönliche Meinung. Insbesondere stehen die Inhalte in keinem Zusammenhang mit Fulbright oder dem US Department of State (Außenministerium).
Eigentlich sollte dies, aus gegebenem Anlass, ein Beitrag über den Super Bowl werden. Stattdessen schreibe ich nun aber über Kultur, und zwar nur am Rande über die amerikanische. Es soll eher um unsere Vorstellung anderer Kulturen (und deren Vorstellung über unsere) gehen und darum, wie man andere Kulturen kennenlernt. Und warum man das an Universitäten besonders gut kann. Und in den USA. Dazu habe ich, im Rahmen des Super Bowls, vier Beobachtungen angestellt, die mit dem Folgenden zu tun haben: Big Mac Salat, Aldi, die Halftime Show des Super Bowls und der Unterhaltungssendung The Masked Singer.
Zu meiner großen Freude kam Anfang der Woche einer der Doktoranden der University of Florida, Spitzname Q, auf uns (meinen deutschen Büronachbarn Fynn und mich) zu und lud uns zum Super Bowl schauen zu sich nach Hause ein. Außerdem waren alle anderen Doktoranden eingeladen. Um dem Ganzen den richtigen Rahmen zu verleihen (das heißt, wahnsinnig viel essen zu können), war jeder Gast eingeladen, nach eigenem Ermessen zu Speis und Trank beizutragen. Schnell kam Fynn auf die glorreiche Idee, einen Big Mac Salat vorzubereiten. Womit wir bei unserer Vorstellung der amerikanischen Kultur wären. Und der amerikanischen Vorstellung darüber, was unsere Vorstellung amerikanischer Kultur ist. Diese doppelte Projektion von Gedanken über Halbbekanntes ist für Missverständnisse prädestiniert. Um es kurz zu fassen: Kein Amerikaner weiß, was ein Big Mac Salat sein soll. Unsere Vorstellung von den USA ist also falsch, ist hingegen gar Urdeutsch, denn Salate aus wildesten Zutaten (Ich glaube, Italiener wissen auch nicht, was ein Nudelsalat sein soll) als Fleischbeilage sind nach meiner Erfahrung typisch deutsches Essen (und damit als Mitbringsel umso besser). Die Amerikaner hingegen nahmen sofort an, wir würden einfach zu McDonald’s gehen und Big Macs einkaufen, um diese klein zu schneiden, was wiederum ein Missverständnis darüber ist, wie wir Deutschen nach deren Auffassung über Amerikaner denken. Amerikaner denken also, Ausländer denken von Amerikanern, dass diese nur Fastfood essen würden und selbst Mitbringsel nur daraus bestünden. Beides ist nicht ganz falsch, aber beides eben auch nicht richtig. Und die Amerikaner möchten so nicht gesehen werden sowie wir genauso wenig möchten, dass sie denken, wir würden so über sie denken. Hier konnten wir im Ergebnis also einige Missverständnisse ausräumen. Und der Big Mac Salat, aus frischen Zutaten, kam am Ende vorzüglich an.

Diese frischen Zutaten habe ich bei Aldi eingekauft, womit wir zu einer weiteren falschen Vorstellung kommen und diesmal aber auch tatsächlich was über Kultur lernen können. Über die amerikanische und über die deutsche. Die falsche Vorstellung ist schnell erklärt und führt bei amerikanischen Touristen in Bayern offenbar regelmäßig zu Enttäuschungen. In den USA führt Aldi die Marke „deutsche Küche“ (hält mich am Leben, denn ohne das Brot davon wäre mein Frühstück viel trauriger). Vieles davon ist authentisch, nicht allerdings die Laugenbrezeln, die hier in den USA als der Inbegriff deutschen Essens gelten. Diese sind nämlich immer weich, man könnte sagen labbrig, niemals auch nur etwas knusprig. Daher die Enttäuschung von Amerikanern, wenn man in Deutschland eine Brezel kauft und diese eine Oberfläche hat, bei der man wirklich kauen muss. Und um nun auch noch etwas über Kultur zu lernen: Ich habe zufällig spät am Abend noch einen Aldi-Mitarbeiter getroffen, der bei seinem Arbeitgeber höchst ungerne einkauft. Denn man wisse vorher nicht, was alles im Sortiment wäre, manche Produkte gäbe es manchmal einfach nicht. Genau das ist ja das Konzept von Aldi und einer der Gründe, warum das Preis-Leistungs-Verhältnis auch hier in den USA sehr gut ist. Für mich ist dies ein schönes Beispiel dafür, dass ein zentrales Element der amerikanischen Kultur die „Conveniance“ ist, was mit Bequemlichkeit nur unzureichend übersetzt ist. Der Amerikaner wie ich in kenne mag es komfortabel, Dienstleistungsqualität wird sehr hochgehalten. Wenn also die Bedürfnisse nur unzureichend bedient sind, gerät möglicherweise der ganze Aldi in Misskredit. Wir Deutschen hingegen sind, gerade bei Lebensmittel, extrem preissensibel. Selbst wohlhabende Bürger kaufen bei Aldi Obst und Gemüse in guter Qualität zu Spottpreisen. Da interessiert es wenig, dass es manche Produkte gar nicht, und leider keine 24 verschiedenen Sorten Plastikbesteck gibt, sondern eben nur eine.
Warum man in den USA und an Universitäten nun kulturellen Austausch besonders gut erfährt, ließ sich dann am Super Bowl Abend selbst erleben. In der Halftime Show traten zwei amerikanische Künstlerinnen mit lateinamerikanischen Wurzeln auf und das passend zum Austragungsort Miami, der wie der gesamte Staat Florida besonders stark von hispanischen Einwanderern geprägt ist. Und so stimmt es ganz besonders, dass die USA, trotz politischer Entwicklungen, die dem entgegenstehen, und weiterhin schwerwiegenden Problemen mit Rassismus, wohl immer noch eines der buntesten Einwandererländer der Welt sind. An diesem Abend war unter uns Gästen genau ein weißer Amerikaner ohne Migrationshintergrund in den letzten beiden Generationen. Und so drehten sich die meisten Gespräche auf bereichernde Art und Weise um die Kultur in Südkorea (der Gastgeber und seine Frau), China (einer der Doktoranden), Belgien (dort arbeitet Fynn), Deutschland und natürlich auch die USA. Und schließlich brachte uns die Universität ja überhaupt erst zusammen. Ich erlebe gerade die University of Florida und auch die TU Darmstadt als Katalysator für internationalen Austausch, da in der akademischen Forschung besonders viel Wert auf eine internationale Ausrichtung gelegt wird und entsprechend auch internationale Bewerber und Austauschwissenschaftler von den USA angezogen werden. Einer der aktuellen Bewerber auf eine Juniorprofessur an der University of Florida wurde in Brasilien geboren, hat in Australien studiert und war zuletzt an Universitäten in Italien und England beschäftigt. Und in diesem interkulturellen Geist klang der Abend dann auch aus, mit der neuen Staffel von The Masked Singer. Die Show irritierte uns reservierten Deutschen, ist ursprünglich aus dem Land des Gastgebers (Südkorea) und wird in den USA besonders amerikanisch gelebt, mit Jubel und Übertreibung und ausschweifenden Kostümen, was wiederum die Südkoreaner irritierte, die eine andere Gestaltung der Sendung gewohnt waren. Der Austausch der Kulturen hielt uns also bis zum späten Ende des Abends bei Laune.
Andere Länder, andere Sitten, da ist wohl was dran. Hab beim Lesen eine ganze Menge gelernt. Vorurteile sollte man eigentlich keine haben.
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