Alle Inhalte in diesem Blog sind alleine meine persönliche Meinung. Insbesondere stehen die Inhalte in keinem Zusammenhang mit Fulbright oder dem US Department of State (Außenministerium).
Diese Woche bleibt mir gar nichts anderes übrig als über Sturm zu schreiben. Während ich hier sitze fallen in Deutschland Schulen wegen des Sturmtiefs Sabine aus. Man könnte fast meinen, dieser Sturm wäre von Florida entlang des Golfstroms bis nach Deutschland gewandert, denn ich habe ihn (also wahrscheinlich einen anderen) schon am Donnerstag erlebt. Im Hurricane-geübten Florida war der Alltag zwar nicht ganz so beeinträchtigt wie er es nun in Deutschland zu sein scheint. Aber Regen und Wind, davon hatten wir auch genug. Sogar schwerere Schäden am Hausdach hatte einer der Doktorandenkollegen vor Ort zu beklagen.
Ich wollte schon seit einiger Zeit über das Wetter in Gainesville schreiben, denn ich empfinde es als recht einzigartig und natürlich gänzlich anders als das nassgraue Winterwetter in Mitteleuropa. Aus meiner Sicht befinde ich mich in einem subtropischen Sumpf (Gainesville wir tatsächlich „the Swamp“ genannt, das hat etwas mit College-Football zu tun). Aus Sicht der lokalen Bevölkerung befinden wir uns in Nordflorida (was natürlich auch stimmt). Und Nordflorida heißt, in Südflorida ist es immer wärmer. Man kann sich also wahlweise darüber beschweren, dass man anders als Miami noch frieren muss, oder darüber freuen, dass man nicht gänzlich in einer Freiluftsauna lebt. Das viel interessantere am flachen nördlichen Florida ist aber der Wind. Und der war diese Woche eben ein Sturm.
Seit ich hier bin, erlebe ich in Abständen von wenigen Tagen immer wieder starke Winde, die verbunden sind mit recht extremen Wetterlagen kurz vor, manchmal während und kurz nach ihrem Auftreten. Mir wurde erklärt, dass der Wind zwischen den Küsten hindurchweht und Gainesville eben in dieser Windschneise liegt. Das klingt für mich plausibel, spielt aber am Ende auch keine wirkliche Rolle. Jedenfalls lässt sich das Winterwetter in Florida bisher in zwei statischen Zuständen beschreiben: Dampfbad oder herrliches Frühjahrswetter. Wenn Dampfbad ist, dann kann es tagsüber schon mal heiß werden, da bringt ein einfacher Januartag durchaus 28 Grad Celsius. Und abends pendelt sich die Temperatur verlässlich um die 20 Grad ein. Bei über 90% Luftfeuchtigkeit ist das ohnehin alles egal, denn man fühlt sich praktisch immer, als käme man gerade in ein Badezimmer, in dem ich zuvor ausgiebig bei meiner Lieblingstemperatur geduscht habe (daher Dampfbad). Herrliches Frühjarswetter hingegen bedeutet, dass es trocken und sonnig ist, tagsüber auch mal deutlich über 20 Grad werden kann und nachts trotzdem angenehm abkühlt, im Januar sogar noch bis knapp über den Gefrierpunkt. Die Luftqualität ist dann auch sehr viel besser. Im Dampfbad warnt meine Wetterapp mich nämlich manchmal vor ungesunder Luft. Als ob ich auswählen könnte, wo ich denn dann stattdessen gerne atmen würde.
Nun komme ich aber endlich zum eigentlichen Thema, nämlich zum Wind. Wenn das Dampfbad einige Tage angehalten hat, dann zieht der Sturm auf. Meistens bringt er etwas Regen, möglicherweise auch mal ein Gewitter, aber in der Regel regnet es im trockenen Winter in Florida anscheinend wenig. Vom Frühlingswetter zum Dampfbad bleibt der Regen aus, dann gibt es nur Wind, übrigens immer gegen die Fahrtrichtung des Fahrradpendlers, wie auch sonst. Diesmal war das aber anders: Der Sturm brachte nicht nur wenig Regen und er pustete auch nicht verlässlich gegen die Fahrtrichtung.
Stattdessen drehte ein heftig peitschender Wind schon am Donnerstagmorgen wild durch alle Himmelsrichtungen. Schon im Tagesverlauf flogen einzelne Palmenblätter durch den Vorgarten unseres Bürogebäudes, die einer der Gärtner noch feinsäuberlich aufstapelte. Gegen Abend wurde das Schauspiel dann heftiger, sodass ich mich auch von einer Sturmwarnung früher als gewünscht aus dem Büro treiben ließ. Nassgeschwitzt durch das Anstrampeln gegen drehende Böen beobachtete ich das Spektakel dann von unserer Veranda aus. Gewitter grollte in größerer Ferne während gießender Regen in Minuten tiefe Tümpel im hügeligen Gelände entstehen ließ. Der Wind ließ den Regen zu mir hoch spritzen als ob ich an der Reling eines Fischerbootes stehen würde. Einige Male viel der Strom für wenige Sekunden aus. Mein Mitbewohner, der von der Arbeit zu Hause geblieben war, weil die Bar seines Arbeitgebers wie einige öffentliche Gebäude an diesem Abend wegen Sturms geschlossen blieben, betrachtete das Wettergeschehen ganz entspannt: Ich solle froh sein, nicht bis zur Hurricane-Saison zu bleiben, dann würde das Ganze zehn mal so schlimm. Da kann wahrscheinlich auch Sturmtief Sabine nicht mithalten.
