Gators.

Alle Inhalte in diesem Blog sind alleine meine persönliche Meinung. Insbesondere stehen die Inhalte in keinem Zusammenhang mit Fulbright oder dem US Department of State (Außenministerium).

Wie auch schon damals in Green Bay hatte ich auch hier in Florida von Anfang an vor, wenn möglich einige Spiele der verschiedenen College-Mannschaften zu besuchen. Nur dass ich diesmal natürlich etwas anderes erwarten durfte. Die Florida Gators, das Team hier in Gainesville, gehört traditionell zu den Top-Teams ganz Amerikas. Und zwar nicht nur in manchen Sportarten. Sondern in allen. Insbesondere in den großen drei Sportarten Football, Basketball der Männer und Baseball spielen die Gators in regelmäßigen Abständen um die Titel mit. In allen drei Sportarten haben sie in der Vergangenheit bereits den nationalen Saisonsieg geholt. Entsprechend waren meine Erwartungen groß.

Natürlich wusste ich leider schon bei meiner Ankunft, dass die College-Football-Saison bereits zu Ende war. Das Stadion der Gators, es wird Swamp (also Sumpf) genannt, ist mit seinen bis zu 90.000 Besuchern unter den Top 20 Sportstadien der Welt und bietet sicher eine unglaubliche Atmosphäre, die ich während meines aktuellen Besuchs leider nicht erleben kann. Allerdings sind auch die Basketballspiele mit 10.000 Zuschauern gut besucht und außerdem für Studierende kostenlos. Und College-Baseball, ebenso kostenlos und in einem ordentlichen Freiluftstadion beheimatet, hatte ich zuvor noch nicht auf meiner Liste, nun aber schon. Denn seit Freitagabend ist mein Feuer für die Gators endgültig entbrannt und daran hatte Baseball seinen Anteil. Zwei Sportereignisse und eine allgemeinere Beobachtung haben sich im Laufe des Wochenendes ergeben. Von denen möchte ich berichten.

Der Freitagabend begann also mit College-Baseball. Einer der Doktoranden und seine Frau nahmen uns zu ihrer Lieblingsbeschäftigung mit, dem Besuch eines Baseballspiels. Nach meiner Erfahrung bei den Milwaukee Brewers 2013 waren meine Erwartungen eher gedämpft, ich hatte den Sport als vergleichsweise langatmig in Erinnerung. Allerdings hatte ich die Rechnung nicht mit der familiären Atmosphäre gemacht, die mich im Stadion der Gators erwarten sollte. Das Spiel, in dem die Gators die Gäste der Marshall University dominierten, war interessant und deutlich kurzweiliger als das Profi-Pendant. Dennoch war es die Geselligkeit, die den Abend ausmachte. Der Vergleichsweise entspannte Sport erlaubt während des Spielgeschehens angeregte Gespräche, eine kleine Führung durch das Stadion und das Beobachten des Treibens rundherum um das Spielfeld und im Publikum. Zahlreiche Familien, Rentnergrüppchen und Studenten sitzen in entspannter Atmosphäre beisammen und genießen den Freitagabend bei der gemeinsamen Beschäftigung. Irgendwie musste ich dabei an das traditionelle, bürgerliche Amerika aus älteren Filmen denken, in dem die Väter morgens im Vorgarten mit den Kindern Baseball spielen und am Abend eben gemeinsam ins Stadion gehen. Die Welt ist da irgendwie noch in Ordnung. Auch wenn dies angesichts der aktuellen Weltlage durchaus problematisch wahrgenommen werden kann, ist es doch beruhigend und erzeugt ein wohliges Gefühl.

Das eigentliche Highlight sollte mich dann aber beim Basketball am Samstagabend erwarten. Dieser Sport ist natürlich um einiges aufregender. Auch hier konnte die Mannschaft der Gators den Gästen der Vanderbilt University von Anfang an ziemlich deutlich die Schranken aufzeigen und mit einigen spektakulären Aktionen das Spiel an sich reißen. Der eigentliche Höhepunkt wartete aber in der Halbzeitpause auf uns. Der legendäre Titeltrainer der Gators, der bis vor Kurzem für 19 Jahre das Team trainierte und zu zwei nationalen Titeln am Stück führte, wurde in der Halbzeit geehrt, indem das Spielfeld nach ihm benannt wurde. Ein Zusammenschnitt der besten Momente aus seiner Karriere wurde zur Einführung gezeigt, Amerika pur. Dem Stand seine Rede in nichts nach, in der er natürlich den Spielern, allen Weggefährten, seiner Familie und nicht zuletzt den Fans und der Kommune Gainesville für seine Erfolge dankte. Er wusste genau, was er zu sagen hatte, was bei den amerikanischen Fans gut ankommt. Und dann kamen die Spieler, die er in ihren College-Jahren begleitet hatte, in großer Zahl, um ihn zu Ehren und zu gratulieren. Hier wurde der Reiz eines exzellenten Sportprogramms der Universität nun endgültig deutlich. NBA-Größen wie der ehemalige französische Nationalspieler Joakim Noah standen nun da unten auf dem Feld und zeigten ihre Verbundenheit zu ihrer Alma Mater. Die University of Florida glänzt also nicht nur mit berühmten Professoren, deren Namen nur Doktoranden-Nerds wie mir bekannt sind.

Diese Erlebnisse illustrieren noch auf ganz andere Weise, was das eigentlich großartige der amerikanischen Universitäten ausmacht, und dazu muss man einen Schritt zurückgehen, den Blick vom Spielfeld abwenden. Als erstes fällt er dann auf die Cheerleader und das Tanzteam. Als nächstes auf die Marching Band mit ihren silbernen Blasinstrumenten und den ohrenbetäubenden Gassenhauern. Auf das Maskottchen, den Stadionsprecher, die Schweißwegwischer und die Balljungen und Wasserträger. Dann ins Publikum in den Studentenblock, in dem alle das ganze Spiel lang stehen. Und schließlich auf das Publikum, das komplett in Orange und Blau, den Farben der Gators, gekleidet ist. Und dann auf den Campus, auf dem fast alle in eben diesen Farben in ihrem Alltag herumlaufen. Und man denkt an die anderen Studentengruppen, die für alle etwas zu bieten haben. Eine Doktorandin macht Stepptanz. Ich wurde von der Klettergruppe herzlich aufgenommen. Es gibt für alle möglichen Randsportarten, politische Aktivitäten, Religionen und sonstige Philosophien eine Gruppe. Jeder wird hier in die Universität eingebunden. Jeder hat seine Rolle. Die Universität spendet Identität und am Ende spenden die erfolgreichen Absolventen der Universität auch eine Menge Geld. In den USA definiert man sich in seinen jungen Erwachsenenjahren eben über seine Uni. Und das macht ziemlich Eindruck auf uns europäische Besucher. Insbesondere an einer so großen Uni wie der UF, mit ihren Top-Sportlern, mit ihrem riesigen, schönen Campus, mit ihrer Top-Forschung. Und eben auch mit ihrer Lage im Nirgendwo von Florida. Denn der Ursprung dieses Gefühls liegt tief in der amerikanischen Kultur. Die Leute verlassen die Heimat ihrer Jugend um an der Uni zu leben. Und zwar jeden Tag und den ganzen Tag. Dort gründen sie ein neues soziales Umfeld, das alte ist in der Regel zerstreut. In Europa ist das eben anders. Und da bin ich wahrscheinlich das beste Beispiel. Und ich liebe meine alten Freunde, aus der Grundschule, vom Abi, aus den Vereinen (die neueren sind mir natürlich genauso lieb). Und ich sehe meine Familie regelmäßig. Wie schön, dass ich mit meinem Gastaufenthalt hier in Gainesville privilegiert bin, von beiden Systemen einen Anteil zu haben.

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