Alle Inhalte in diesem Blog sind alleine meine persönliche Meinung. Insbesondere stehen die Inhalte in keinem Zusammenhang mit Fulbright oder dem US Department of State (Außenministerium).
In der vergangenen Woche sind durchaus einige Dinge passiert, die unterhaltsam zu berichten wären. Ich war mehrfach zum Essen eingeladen und habe wiederum zusammen mit meinem Bürokollegen alle Doktoranden zu einem deutschen Mittagessen (Spätzle mit Geschnetzeltem bzw. einer vegetarischen Pilz-Paprika-Sahnesauce) eingeladen. Dazu waren wir bei Sam’s Club einkaufen, einem amerikanischem Großmarkt, gegenüber dem die Metro-Großmärkte in Deutschland eher klein wirken. Wir haben am Samstag unser Doktorandenseminar an der Uni abgehalten, weil die Professorin am Freitag nicht konnte und ohnehin alle am Samstag arbeiten. Wir haben einen Geburtstag gefeiert und wir waren zum ersten Mal in Gainesville feiern (es gab sogar einen richtigen Club). Ich könnte auch noch mehr über amerikanische Arbeitsmoral schreiben, insbesondere unter den Accounting-Akademikern, gerade weil meine Arbeitswoche erst am Sonntag um 21 Uhr vorbei war (das werde ich an anderer Stelle wohl auch noch tun). Aber all das möchte ich zur Seite stellen und über den Grund schreiben, warum ich am Sonntag noch so spät gearbeitet habe: Mein jüngstes Paper.
Da ich nun mal hauptsächlich wegen der Arbeit in Florida bin, sollte der Arbeit auch ein entsprechender Anteil meiner Erfahrungsberichte eingeräumt werden. Außerdem war die Fertigstellung des ersten Entwurfs meines Papers der größte Erfolg meiner Woche, wahrscheinlich der größte Schritt des ganzen Monats, vielleicht sogar seit meiner Ankunft. Hinzu kommt, dass die meisten (hoffentlich interessierten) Leser vermutlich nicht so genau wissen, was ich überhaupt mache in Florida. Und sonst in meinem Büro in Darmstadt. Das möchte ich ändern.
Zunächst muss natürlich die Frage beantwortet werden, was überhaupt ein Paper ist und warum ich das im vorigen Textabschnitt so aufgebauscht habe. Ein Paper ist das Produkt unserer Forschung, ein circa 30 Seiten langer Bericht über ein Forschungsprojekt und seine Ergebnisse (die Länge, Struktur und Entstehung von Papern unterscheidet sich sehr stark zwischen verschiedenen Forschungsdisziplinen, weswegen ich nur über meine Disziplin, Accounting, sprechen kann). Und obwohl 30 Seiten nach nicht besonders viel Text klingen (mein Blog hat sicher insgesamt auch schon an die 30 Seiten oder wird sie zumindest am Ende meines Aufenthalts haben), stecken in den besten Papern Monate und Jahre an Arbeit von meist mehreren und oft wahnsinnig intelligenten Forschern, Tausende von Euros oder Dollars an Forschungsgeldern und nicht zuletzt große Leidenschaft und ein kleiner, wissenschaftlich fundierter Erkenntnisgewinn drin. Nun stellt sich natürlich die Frage, wie es dazu kommt, und wie ich, als einigermaßen unerfahrener, offenbar einzelner Forscher in so kurzer Zeit hier in Florida ein Paper zustande bekommen haben möchte.
Dazu muss man zunächst wissen, dass ich nicht alleine bin. Ich arbeite an diesem Paper zusammen mit einem belgischen Doktoranden, den ich auf einer Konferenz kennengelernt habe und mit dem ich seitdem in regem Gedankenaustausch stehe. Die Idee zu dem Paper kam uns gemeinsam, als er ein anderes Paper bei uns in Darmstadt präsentierte und wir über den Prozess der Abschlussprüfung und seinen zuletzt verwendeten Datensatz diskutierten. Unsere Kollaboration funktioniert in diesem Fall so, dass er die verfügbaren Daten analysiert hat, während ich verschiedene Theorien zu möglichen Wirkungsmechanismen in unseren Daten durchforstet habe, um eine sogenannte Hypothese, also eine Erwartung über die Muster in unseren Daten zu entwickeln. Konkret geht es bei uns darum, ob bei der Abschlussprüfung Mandanten weniger Gebühren bezahlen müssen, wenn sie mehr Geld in Mitarbeiterschulungen investieren. Die dahinterliegende Theorie ist, dass besser geschulte Mitarbeiter dem Abschlussprüfer schneller bessere Informationen bereitstellen und dieser dann bei gleichbleibender Qualität weniger Arbeit hat, um mit hinreichender Sicherheit festzustellen, dass die Finanzinformationen des Mandanten frei von wesentlichen Fehlern sind. Aufgrund des geringeren Aufwands verlangt der Abschlussprüfer dann ein geringeres Honorar.
Soweit also zu meiner Theorie. Mein belgischer Kollege hat zur Überprüfung dieser Theorie nun einen Datensatz vorliegen, der grundsätzlich alle belgischen Unternehmen abdeckt, die verpflichtet sind, jährlich Finanzinformationen zu veröffentlichen. Mithilfe recht komplexer statistischer Verfahren kann er nun berechnen, ob Mandanten, die sich in vielen anderen Eigenschaften ähnlich sind, aber bei Mitarbeiterschulungen unterscheiden, unterschiedlich hohe Abschlussprüferhonorare zahlen müssen. Und dies ist tatsächlich der Fall. Meine Theorie ist eine plausible Erklärung für die Ergebnisse. Und zahlreiche zusätzliche Analysen stärken unsere Theorie, indem verschiedene statistische Methoden und Tests alternativer Erklärungsansätze unsere Erklärung nicht widerlegen können. Zur guten wissenschaftlichen Praxis gehört in diesem Fall also die Interpretation, dass wir einen robusten Zusammenhang von Mitarbeiterschulungen und Prüfungshonoraren nachweisen können, allerdings unsere Theorie nur als Erklärung anbieten können, da uns die Querschnittsanalyse (genauer gesagt ist es eine Panelanalyse) keine finale Beurteilung des kausalen Zusammenhangs erlaubt.
Nun stellt sich final noch die Frage, wie man so etwas dann aufschreibt, warum ich dafür so lange brauche, und warum ein fertiges Paper noch länger braucht und ich behaupte, schon nach zwei Monaten ein Paper zu haben. Zunächst ist unser Paper nur ein erster Entwurf und aufgrund ein paar glücklicher Zufälle viel schneller entstanden als es im Durchschnitt der Fall ist. Der weitere Bearbeitungsprozess wird das Paper zwar nur minimal verlängern, wird aber sicher noch viele Monate, wenn nicht Jahre dauern (das beschriebe ich gerne mal in einem anderen Beitrag, würde hier aber sicher zu viel). Beim Schreiben war es nun meine Aufgabe, unsere Theorie und die Ergebnisse einem wissenschaftlichen Leser als eine überzeugende Geschichte zu präsentieren und dabei alle Analyseschritte so genau wie nur möglich zu beschreiben. Dazu habe ich etwa 120 andere Paper gelesen bzw. teilweise nur überflogen und zahlreiche weitere in einer ausführlichen Recherche der Forschungsliteratur durchforstet und schließlich für unsere Zwecke als irrelevant befunden. Auf Basis dieses Kanons bestehenden Wissens habe ich meine Geschichte entwickelt.
Zunächst gebe ich in der Einleitung einen Überblick über die Motivation und Fragestellung unserer Forschung, über unsere Theorie und unsere Ergebnisse. Hier muss ich alle überzeugen, dass wir etwas Spannendes und Neues herausgefunden haben und das unsere Theorie sinnvoll ist und wirklich zu den Ergebnissen passt. Danach erkläre ich unsere Theorie im Detail und stelle Verbindungen zur bestehenden Forschung her. Das ist neben der Einleitung am meisten Arbeit und enthält die meisten der 120 Paper (wobei ich nur einen Teil davon tatsächlich im finalen Text verwende und entsprechend zitiere). Es folgt eine detailgenaue Beschreibung unserer Daten und unserer Vorgehensweise bei der statistischen Analyse. Erst dann präsentieren und diskutieren wir unsere Ergebnisse, bevor wir mit einem kurzen Fazit schließen. Jedes Wort wird abgewogen und jeder Gedanke muss klar gefasst werden. Selbst beim Verfassen eines ersten Entwurfs kann es durchaus ein Erfolg sein, wenn man an einem Tag nur eine Seite Text zustande bringt. Am Ende war ich etwas schneller, meine Tage waren aber vielleicht auch länger. Und die E-Mail mit dem knapp 30-seitigen ersten Entwurf an meinen belgischen Kollegen war ein großer Erfolg am Sonntagabend, den hoffentlich jetzt noch mehr Leute mit mir teilen können.
