Besuch.

Alle Inhalte in diesem Blog sind alleine meine persönliche Meinung. Insbesondere stehen die Inhalte in keinem Zusammenhang mit Fulbright oder dem US Department of State (Außenministerium).

In meiner achten Woche in Florida passierte etwas, auf das ich bereits seit einiger Zeit hin gefiebert habe und dass für mich nun auch etwas völlig Neues sein sollte: Ich bekam Besuch. Kurz vor dem Spring Break der University of Florida in der Folgewoche kamen am Mittwochabend meine Eltern und meine Schwester am Flughafen von Orlando an. Aus zwei Gründen ist das für mich etwas ganz Besonderes. Zum ersten sind mit einem Auslandsaufenthalt schon Heimweh und eine gewisse Einsamkeit verbunden. Auch wenn ich mir mit Arbeit und Sport und zunehmend auch sozialen Aktivitäten mit den anderen Doktoranden die meiste Zeit vertreibe, gibt es doch immer wieder Momente, in denen ich gedanklich zur Ruhe komme und dann eine Sehnsucht nach meinen Liebsten verspüre, die sich auch mit Videotelefonie nicht vertreiben lässt. Da also nun der Besuch meiner nach Lisa engsten Bezugspersonen anstand, war ich entsprechend erwartungsfroh. Zum zweiten sammle ich so viele Eindrücke in Gainesville und habe schon so viele Eindrücke in und über die USA gesammelt, dass ich es kaum erwarten konnte, diese zu teilen. Bekanntermaßen bin ich generell sowohl sehr begeisterungsfreudig als auch ähnlich mitteilsam, was beides meinen Drang, als Fremdenführer in der zweiten Heimat zu agieren deutlich verstärkt. Und so sollte ich in den ersten paar Tagen mit meinem Familienbesuch Gainesville vorführen, aber auch neu entdecken, bevor wir dann gemeinsam in den Süden von Florida aufbrachen.

Zunächst musste ich allerdings mit dem Mietauto an den Flughafen von Orlando fahren, um meinen Besuch abzuholen. Bei dieser Gelegenheit nutzte ich das Bussystem, das für mich mit meinem Universitätsausweis kostenlos ist, um an den Flughafen zu gelangen. Öffentliche Busse in den USA sind genauso horrend klimatisiert wie Gebäude (heiß, wenn es draußen kalt ist, und ein Kühlschrank, wenn es draußen heiß ist), überraschend günstig, meist von zwielichtigen Personen benutzt, niemals pünktlich, aber irgendwie freundlich (die Fahrer haben meist gute Laune und grüßen, die Fahrgäste – egal wie zwielichtig – bedanken sich herzlich beim Aussteigen für die Fahrt). Klitschnass vom gießenden Regen in Gainesville (seit der Besuch da ist, scheint die Sonne, davor regnete es zwei Tage durch) stieg ich in den Bus und kam ca. 25 Minuten verspätet am Flughafen an, um das Auto abzuholen. Der Regen hinterließ auf der Fahrt seine Spuren. Die Interstate 95 nach Süden war von Unfällen nur so übersät. Bei der Qualität der amerikanischen Führerscheinausbildung und den Straßenverhältnissen war das kein Wunder. Der Regen konnte kaum von den Straßen abfließen und in Kombination mit der Bauweise der teils kaum von Radkästen umhüllten LKW- und Pick-Up-Reifen führte das dazu, dass man bei ca. 100 Kilometern pro Stunde nichts mehr sehen konnte, sofern auf einer beliebigen Spur ein anderes Auto mit weniger als 300 Metern Abstand vor einem fuhr. Also lernte ich die kleineren Highways Zentralfloridas kennen und kam mit einer weiteren Stunde Verspätung immer noch früh genug an, um meine ebenfalls verspätete Familie abzuholen (Gegenwind auf dem Flug).

Nach der freudigen Begrüßung und der (dank dem Ende des Regens) schnelleren Rückfahrt nach Gainesville ließen wir den Abend mit unserer ersten gemeinsamen Neuentdeckung in Gainesville ausklingen: Dick Mondell’s Burgers and Fries ist ein kleiner Burgerladen in einem schmucklosen Wohngebiet zwischen der Uni und Downtown, der den ganzen Tag über Burger aus seiner kleinen Küche auf die Straße verkauft. In Erinnerung an alte Green Bay Zeiten startete somit schon am ersten Abend eine gemeinsame kulinarische Erkundungstour, die zu viele Kalorien, aber ebenso viel Freude und lustvolles Entdecken der amerikanischen Küche mit ihren Vorzügen und Übertreibungen und immer hochkalorischen Mengen an Essen bedeuten sollte. Zudem stellte ich fest, dass Gainesville kulinarisch einiges zu bieten hatte, wenn man dank Mietauto und zusätzlichem Ausgehanreiz den Radius der Restaurants und die Art der Mahlzeit (insbesondere Frühstück) erweitern konnte. Die weitere Liste unserer ersten Tage in Gainesville kann ich wie folgt vorwegnehmen: Wir frühstückten beim Daybreak, einer der vielen Empfehlungen mit unkreativem Namen. Das Frühstück war reichhaltig, köstlich, ausgewogen bodenständig und kreativ, aus frischen Zutaten und natürlich begleitet von Kaffee, der beliebig oft nachgefüllt wurde. Unser Kellner hatte schnell den Kaffeedurst der Familie Friedrich erkannt und meine Eltern fanden sichtlich gefallen an der Kultur der Amerikaner, günstig reproduzierbare Getränke in Restaurants ohne Zusatzkosten immer wieder aufzufüllen. Zum Abendessen besuchten wir La Tienda, ein mexikanisches Restaurant, das gleichzeitig Geldtransfers und internationale Telefongespräche nach Mexiko anbietet und lateinamerikanischen Tand verkauft. Entsprechend gut und authentisch war das preiswerte Essen (und alles war vegetarisch!), das in Soße nur so schwamm, seien es der hausgemachte Queso, die grüne oder rote Soße zu den Enchiladas oder die kreative Guacamole mit frischen Kräutern. Kulturschock gab es auch hier, allerdings zum Negativen. Passend zum sonstigen Stil und der Authentizität des Restaurants gibt es nur Plastikgeschirr und die Mengen an Müll, die ein Abendessen erzeugt, sind absurd. Zum Mittagessen führte ich meine Eltern erneut in ein Burgerrestaurant, das einzige auf dieser Liste, das ich bereits vorher kannte. Relish ist so etwas wie Subway unter den Burgern und eine lokale Kette in Florida. Man sucht sich sein Fleisch und ggf. Käse oder weitere gebratene Zutaten (z.B. Spiegelei) aus und begleitet dann die Bedienung an eine Auslage, in der zahlreiche Soßen und frisch aufgeschnittene Gemüsebeilagen stehen. Dort sucht man sich die Beilagen aus und bekommt sie direkt auf das Burgerbrötchen belegt. Nachdem auch die gebratenen Zutaten zwischen die belegten Brötchenhälften gelegt wurden, ist der vorzügliche Burger auch schon fertig. Ich muss zugeben, dass er sogar Five Guys schlägt (Five Guys Pommes sind aber nach wie vor ungeschlagen), und das bei günstigeren Preisen. Zudem gibt es einen vegetarischen Burger und einen veganen Fleischersatz (die gibt es inzwischen fast überall in den USA, aber außer bei Burger King nur zu horrenden Aufpreisen von teils 50%). Dank der freien Wahl des Belags war der Verzehr meines Burgers eine große Sauerei, aber das war zu erwarten.

Bis zum Freitag musste ich noch einigermaßen intensiv arbeiten, sodass ich einen Spagat zwischen dem oben beschriebenen Essen, den nötigsten Aufgaben an der Uni und meiner Reiseführertätigkeit in Gaineville leisten musste. Allerdings konnten meine Gäste die Seekühe in Crystal River besuchen, was dies um einiges leichter machte und ihnen trotzdem große Freue bereitete. Die Highlights von Gainesville konnten wir trotz engem Zeitplan gut besuchen und hatten dabei bis auf unseren letzten Programmpunkt viel Glück mit dem Wetter und der Tierwelt. Ich führte meine Eltern und Larissa über den Campus (inkl. dem Footballstadion) und wir konnten endlich auch den kleinen Campus-Alligator finden, der am kalten Nachmittag auf dem Treibholz seines Teichs in der Sonne badete. Wir schauten der Fledermaushorde beim Dämmerungsausflug aus ihren Campushäusern in den Abendhimmel und zur Futterjagd zu. Der Bookstore, der Laden der Uni, der neben Büchern (unteres Stockwerk) auch zahllose Artikel mit dem Logo der Gators verkauft, also des Sportteams der Uni (oberes Stockwerk), wurde uns bis zum Ladenschluss nicht mehr los. In Paynes Prairie, dem schönen und überregional unbekannten Naturschutzgebiet im Süden von Gainesville, konnten wir neben zwei großen Alligatoren (einer ließ sein aufgesperrtes Maul von einem kleinen Vogel reinigen) seltene Watvögel bestaunen. Und nur das geplante Highlight zum Schluss, ein Baseballspiel des eigentlich sehr guten Teams der Gators, fiel ausgerechnet dem Wetter zum Opfer. Bei nur gut 10 Grad schauten wir unserem Team auf den eisigen Metallbänken beim vermeintlichen Verlieren zu und verließen das schlechte Spiel nach 6 von 9 gespielten Innings beim Spielstand von 0:2. Als wir uns in unserer Unterkunft wieder aufgewärmt hatten, hatten die Gators aber inzwischen den 3:2 Sieg klargemacht, leider ohne unser Beisein. Verfroren brachen wir am nächsten Tag endlich in den Süden auf, wo nicht nur Sonne, sondern auch Wärme auf uns wartete.

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